Bei der Pisa-Studie gerät Deutschland regelmäßig in Schieflage. Thüringen hingegen weiß international mit einer ganz anderen Art von „schrägem“ Ergebnis zu glänzen: Der Kirchturm von Bad Frankenhausen ist schiefer als sein berühmter Namensvetter in Italien und damit eine echte Sehenswürdigkeit des Bundeslands. Die offizielle Turm-Website beziffert die Neigung des Thüringer Wahrzeichens mit 4,7 Grad; das Bundesbauministerium kommt sogar auf 5,14 Grad – beides weit mehr als das Pendant von Pisa, das sich „nur“ um knapp vier Grad neigt.
Der 56 Meter hohe Turm in Bad Frankenhausen gehört zur Oberkirche „Unserer Lieben Frauen am Berge“, die im Jahr 1382 fertiggestellt wurde. Sie steht im ältesten Siedlungskern der Stadt, die im Norden Thüringens zwischen Erfurt und dem Harz, am Südhang des Kyffhäusergebirges, liegt. Der historische Kern mit Fachwerkhäusern, dem Anger und dem Markt liegt in einer Landschaft, die seit Jahrhunderten vom Salz geprägt ist. Genau darin liegt auch die Ursache für die Schieflage: Im Untergrund befindet sich Salz, das durch Wasser nach und nach ausgewaschen wird. Dadurch verliert der Boden an Stabilität und senkt sich ab. Der Kirchturm geriet so immer weiter aus dem Lot.
Thüringens schiefer Turm: Vom Abrisskandidaten zum Millionenprojekt
Lange war der Turm wegen seiner instabilen Statik für Besucher gesperrt. Die Gefahr, dass er weiter absinkt oder einstürzt, war so groß, dass sogar mehrfach ein Abriss vorgesehen war. Doch die Pläne wurden immer wieder verworfen. Die Stadt wollte ihr Wahrzeichen erhalten – und setzte schließlich auf eine aufwendige Sicherung. Mit Fördermitteln des Bundes, privaten Spenden und erheblichem Einsatz aus der Stadtkasse wurde die Rettung möglich. Insgesamt investierte Bad Frankenhausen rund 14,5 Millionen Euro in die Stabilisierung und die neue touristische Nutzung. Eine Art stählernes Korsett mit großen Metallstreben hält den Turm nun in seiner Position.
Der Untergrund selbst wurde allerdings nicht vollständig stabilisiert. Das salzhaltige Wasser wäscht weiterhin den Boden aus – zugleich ist die Sole ein wichtiger Bestandteil des Kurangebots der Stadt. Damit bleibt das Wahrzeichen ein ungewöhnliches Beispiel für den Balanceakt zwischen geologischer Herausforderung und wirtschaftlicher Nutzung.
Besucherzentrum und Skywalk eröffnen neue Perspektiven
Seit 2026 ist der Turm mit einem modernen Besucherzentrum wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Über eine historische, knarzende Holztreppe geht es rund 25 Meter hinauf. Dabei wird die Neigung durchaus spürbar: Die Perspektive wirkt ungewohnt, als seien Boden und Wände nicht mehr ganz dort, wo sie sein sollten.
Oben erwartet Besucher ein Skywalk mit Ausblick über Bad Frankenhausen und das Kyffhäusergebirge. Im Besucherzentrum informieren ein immersives Kino, digitale Angebote und eine Ausstellung über die Geschichte des Bauwerks und seine Rettung. Auch die technischen Hintergründe der Schieflage werden anschaulich vermittelt. Die Stadt hofft, dass sich der Aufwand künftig auch touristisch auszahlt. Rund 80.000 Besucher pro Jahr sollen den Schiefen Turm ansteuern. Das wäre zwar weit entfernt von den Besucherzahlen in Pisa, für Bad Frankenhausen und die Region aber ein wichtiger Impuls.
Ein weiteres rekordverdächtiges Erlebnis: das Bauernkriegspanorama
Wer nach dem Turmbesuch noch eine weitere außergewöhnliche Attraktion sucht, findet sie auf dem Schlachtberg südlich der Altstadt. Dort befindet sich das Panorama-Museum mit dem Bauernkriegspanorama, einem der größten Rundgemälde der Welt.
Das monumentale Werk ist 14 Meter hoch und 123 Meter lang. Auf rund 1.722 Quadratmetern sind mehr als 3.000 Figuren zu sehen. Besucher stehen mitten im Bild und können die Szenerie aus allen Richtungen betrachten. Damit bietet Bad Frankenhausen neben seinem schiefen Wahrzeichen noch einen weiteren ungewöhnlichen Blick auf Geschichte.
Weiterführende Informationen: der-schiefe-turm.de
