Neun Finalisten und drei große Zukunftsthemen: Beim ersten AIDA Innovation Hub geht es darum, wie Kreuzfahrten umweltfreundlicher und smarter werden können. Die Projekte reichen von Wärmerückgewinnung aus Abwasser über neue Materialien bis zu digitalen Reisebegleitern. Aus mehr als 150 Bewerbungen fiel die Wahl auf jeweils drei Finalisten in den Kategorien „Dekarbonisierung“, „Nachhaltigkeit“ sowie „KI & Smarte Lösungen“. Sie präsentieren am 16. September 2026 in Rostock ihre Konzepte in jeweils zehnminütigen Pitches vor einer Fachjury aus Wissenschaft, Industrie und Kreuzfahrt.
Energie zurückgewinnen statt verschwenden
Wenn auf einem Kreuzfahrtschiff geduscht, gewaschen oder Geschirr gespült wird, verschwindet nicht nur Wasser im Abfluss, sondern auch Wärme. Genau hier setzt die Idee eines Unternehmens aus Weimar an: revincus hat eine Technologie zur Rückgewinnung thermischer Energie aus Abwasser entwickelt, sodass die Wärme anschließend wieder genutzt werden kann. So lässt sich der Energieverbrauch an Bord reduzieren, ohne dass Passagiere ihre Gewohnheiten ändern müssen.
Einen anderen Ansatz verfolgen die Hydronauten, ein junges Rostocker Start-up, das aus der Universität Rostock hervorgegangen ist. Seine „QuietHydro“-Technologie nimmt sich Pumpensysteme vor. Sie reduziert Schwingungen und Vibrationen und verbessert gleichzeitig deren Energieeffizienz. Für Reisende bedeutet das nicht nur einen effizienteren Schiffsbetrieb, sondern auch weniger Geräusche.
Das spanische Unternehmen TiTech arbeitet wiederum am Schiffsrumpf. Eine chemiefreie Titanoberfläche soll verhindern, dass sich Meeresorganismen an Unterwasserstrukturen festsetzen. Weniger Bewuchs bedeutet weniger Reibung im Wasser – und damit einen geringeren Energiebedarf beim Fahren.
Weniger Lärm und mehr Kreislaufwirtschaft
Dass Nachhaltigkeit nicht beim Energieverbrauch endet, zeigt die zweite Kategorie des Innovation Hub. Beim Projekt LA-RoRo II geht es um eine eher ungewöhnliche Form des Umweltschutzes: weniger Lärm im Hafen. Der Hafenbetreiber Rostock Port und die Universität Rostock untersuchen, wie Geräusche beim Umschlag in Echtzeit erfasst und mit gezielt erzeugten Gegensignalen reduziert werden können. Davon profitieren nicht nur Kreuzfahrtgäste und Besatzungen, sondern vor allem Menschen, die in Hafennähe leben.
Noch ungewöhnlicher klingt WoodShip. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) untersucht, wie Holz stärker in ausgewählten Bereichen von Kreuzfahrtschiffen eingesetzt werden kann. Holz ist vergleichsweise leicht und speichert während seines Wachstums Kohlenstoff. Gedacht wird unter anderem an bestimmte Trägerkonstruktionen und Außenbereiche. Noch handelt es sich um einen Forschungsansatz – aber einen, der den klassischen Schiffbau um einen nachwachsenden Rohstoff erweitern soll.
Einen ganz alltäglichen Bestandteil der Kreuzfahrt nimmt Circularity Germany ins Visier: die Bordwäsche. Handtücher, Tischwäsche und Arbeitskleidung sollen nach ihrer Nutzung nicht einfach aus dem Kreislauf verschwinden. Das Konzept sieht vor, die Textilien zu recyceln und als Rohstoff für neue Produkte wiederzuverwenden. Gerade auf großen Schiffen, auf denen täglich große Mengen Wäsche anfallen, setzt der Ansatz an einem relevanten Punkt an.
Kreuzfahrtschiffe als digitaler Reisebegleiter
Am unmittelbarsten könnten Passagiere die dritte Kategorie erleben. Ariadne entwickelt ein System, das Besucherströme analysiert, ohne Kameras oder personenbezogene Daten zu erfassen. So lässt sich beispielsweise erkennen, welche Bereiche eines Schiffes besonders stark frequentiert sind. Das hilft bei der Planung von Abläufen und Angeboten.
Noch praktischer wird es bei contagt aus Mannheim. Das Unternehmen entwickelt eine digitale Indoor-Navigation für Gebäude. Auf einem großen Kreuzfahrtschiff könnte sie Passagiere künftig zu Restaurants, Veranstaltungsorten oder anderen Bereichen lotsen. Auch barrierefreie Wege und Hinweise auf Events lassen sich integrieren. Wer schon einmal auf einem Schiff mit zahlreichen Decks und verwinkelten Gängen unterwegs war, dürfte den Nutzen schnell verstehen.
Den Blick vom Schiff aufs Reiseziel richtet Rostock.ai. Die Plattform des Rostocker Gründers Jamil Darwish bündelt Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Unternehmen und lokalen Angeboten. Für Kreuzfahrtgäste ist daraus ein digitaler Reisebegleiter für den Landgang gedacht, der passende Informationen und Empfehlungen liefert.
AIDA Innovation Hub: Was aus den Ideen wird
Noch steht nicht fest, welche der vorgestellten Innovationen tatsächlich den Weg auf ein Kreuzfahrtschiff finden. Der Wettbewerb geht am 16. September in die entscheidende Runde: Die neun Finalisten präsentieren ihre Konzepte vor einer Fachjury aus Wissenschaft, Industrie und Kreuzfahrt. Die drei Gewinner erhalten anschließend die Möglichkeit, ihre Ideen im Rahmen einer Umsetzungsstudie weiterzuentwickeln oder als Pilotprojekt an Bord zu testen. Für Kreuzfahrtgäste bleibt damit spannend, welche der Ansätze irgendwann Teil einer Reise werden. Denn die Beispiele zeigen: Nicht nur beim Antrieb gibt es Ansatzpunkte für eine nachhaltigere Kreuzfahrt – auch Abwasser, Schiffsrumpf, Bordwäsche, Hafenlärm und die Orientierung an Bord bieten Raum für Innovationen.
Quelle: nordkurier.de / aida.de
